Die Geschichte nimmt ihren Lauf im November 2006. Claudine und ich waren seit etwas mehr als einem Jahr zusammen. Ich hatte beruflich in Nutley, NJ, zu tun, und Claudine, damals noch für Manor des öftern auf Trendscouting-Reisen, war zur gleichen Zeit in New York. Die Freude war gross, als wir uns nach zweiwöchiger Trennung an einem kalten Samstag wieder in den Armen lagen. Sie währte allerdings nur so lange, bis wir unser Hotel-“Zimmer“ bezogen. Das Reisebüro meines Arbeitgebers hatte sich nicht erweichen lassen, für die Übernachtungen in Manhattan mehr auszugeben als für eine Bleibe in New Jersey. Dass New Yorker Hotelzimmer nicht gerade mit Quadratmeterrekorden glänzen, ist bekannt. Doch das, was uns hier willkommen hiess, war nicht viel mehr als ein Bett mit vier Wänden drum herum. Kennt Ihr das? Man tritt ein, stösst sich den grossen Zeh am Bett an, und falls man dabei das Gleichgewicht verliert, fällt man vornüber gleich wieder aus dem Fenster.
Doch all das konnte mir nix ausmachen. Ich hatte meine Freundin wieder, ich hatte ein gemeinsames Weekend vor mir, und ich hatte einen RING in der Tasche. Diesen Ring hatte ich ein paar Tage zuvor bei H. Stern in Brasilien gekauft. Einfach so, als Zeichen meiner Liebe und Verbundenheit. Es war also erst ein Ring – nicht der Ring. Ein mittelgrosser blauer Saphir, gefasst in schlichtem Weissgold. Nicht die Kronjuwelen des Sultans von Brunei, aber auch nicht was aus dem Kinder-Überraschungs-Ei. Und wie wir so auf dem Bett lagen, zückte ich also die Schachtel und überreichte sie meiner Holden. Das sind diese unbezahlbaren Momente im Leben, nicht wahr? Der erste Kuss – die erste Nacht – das erste Schmuckstück. Sie klappt also das Deckelchen hoch, guckt in die Schachtel, ich gucke in ihr Gesicht, und sie wiederum guckt, als hätte ich ihr eine tote Kakerlake reingepackt. Wer Claudine kennt, der weiss: sie verfügt nicht nur über ein ebenso exquisites wie unerbittliches ästhetisches Werturteil, sondern auch über eine bemerkenswerte Unfähigkeit zu sozialverträglichem Lügen…
Sie sieht mir also tief in die Augen (woanders hinzuschauen ist kaum möglich in dem winzigen Raum) und spricht: „Honey, ich liebe die Tatsache, dass Du mir einen Ring schenkst…. Aber der Ring als solcher gefällt mir leider ganz und gar nicht.“ Boing. Was tut Mann in einer solchen Situation? Er ist erst mal baff. Dann schmollt er natürlich. Und während er noch schmollt, ist ihm schon bewusst, dass es nur eine vernünftige Lösung geben kann: umtauschen, das Ding. Zum Glück hat Herr Stern auch in New York ein Geschäft, direkt an der 5th Avenue, und wir beschliessen, ihm am folgenden Tag einen Besuch abzustatten. Zuvor gilt es noch, das Hotel zu wechseln, und wir beziehen das Zimmer, dass Manor grosszügigerweise weiter downtown im Tribeca Grand hat reservieren lassen, schon einen Tag früher. Die neue Bleibe ist einiges geräumiger, dafür wurde das ganze Hotel in dem bizarr anmutenden Design konserviert, das in den 70er Jahren als progressiv galt. Heute Retro-Chic!
Neuer Tag, neues Glück: wir machen uns also auf zum Ringtausch (Achtung: Stichwort für später!). Die Leute bei H. Stern sind ausgesprochen zuvorkommend, das muss man sagen. Der Ring könne selbstverständlich für Store Credit umgetauscht werden, auch wenn er in der Filiale Rio de Janeiro gekauft wurde. Wir schauen uns also andächtig an, was in den Vitrinen so vor sich hin glitzert, funkelt und klunkert. Und wie ich meine bezaubernde Claudine da so beobachte, wie sie an diesem wunderschönen sonnigen Sonntagmorgen so versonnen dasteht, und ihre Schönheit alles überstrahlt, was hier ausliegt, da wird mir plötzlich klar, so klar wie die Scheiben der Vitrinen: mit dieser Frau will ich zusammenbleiben. Diese Frau will ich glücklich machen. Diese Frau will ich heiraten! Ok, ich hatte mir natürlich schon seit längerem so meine Gedanken gemacht… aber das Stichwort „Ring tauschen“ war nun wie ein Fingerzeig – ein Ringfingerzeig sozusagen! Ich trete also zu Claudine hin und sage: „Honey, wie wär’s, wenn wir den Ring nicht einfach umtauschen… sondern upgraden?“ Die Bezaubernde versteht sofort, ist erst mal sprachlos, erholt sich aber schnell und sagt tatsächlich Ja! Wir machen uns also mit erhöhtem Einkaufsbudget und frischem Elan auf die Suche, und werden tatsächlich fündig: kein klassischer Verlobungsring mit einem Solitär, sondern ein ganzer Haufen kleinerer weisser und champagnerfarbener Diamanten, in Weissgold gefasst, wirklich sehr schön. Eine Viertelstunde später treten wir raus auf die 5th Avenue – und sind verlobt! Der Schönheitsfehler dabei: Die grosse Überraschung ist natürlich vergeben. Gut, der Kakerlaken-Effekt bleibt mir sicher erspart, aber das filmreife Zücken des Schächtelchens im perfekten Moment, gepaart mit der elegant ausformulierten Frage, ist auch keine Option mehr. Dennoch will ich mir diesen Grossen Moment nicht nehmen lassen.
Nach dem Abendessen sind wir zurück im Hotelzimmer, und während Claudine im Bad ist, hole ich den Ring wieder aus dem Safe. Nur dumm, dass das elektronische Öffnen von lautem Piepsen begleitet wird, so dass meine Braut jetzt eh weiss, was kommt. Dass ich die Frage „Willst Du meine Frau werden“ dann vor lauter Nervosität gar nicht richtig als Frage stelle („Ich will, dass Du meine Frau wirst“), macht die Sache nicht erfolgreicher… Warum lernt man so was nicht schon in der Schule! Das wär mal definitiv vitae, non scholae! Dennoch, man verlobt sich ja nur einmal, eigentlich, und am Ende des Tages sind wir bei aller mangelnden Filmreife und sophistication erst mal sehr glücklich über unsern neuen Zivilstand.
Am folgenden Morgen kuscheln wir, frisch verlobt, frisch verliebt in dem grossen Hotelbett und wollen gar nicht aufstehen. Wir wären auch sicher noch etwas länger liegen geblieben, hätte sich nicht plötzlich ein leicht beissender Rauchgeruch mit dem süsslichen Aroma der Duftkerze vermischt, die Claudine auf dem Nachttischchen angezündet hatte. Ich wittere den Rauch, noch immer schlaf- und liebestrunken, drehe den Kopf nach links und beobachte mit rasch zunehmender Besorgnis, wie kleine Flammen aus dem Kopfkissen schlagen. Ca. 1.7 Sekunden später sind wir beide hellwach und rennen mit entflammten Laken und Kissen zwischen Badezimmer und Bett hin und her.
Es ist im Nachhinein erstaunlich, wie man in solchen Momenten einfach funktioniert: ohne ein Wort zu wechseln gelingt es uns, mit getränkten Decken das Feuer einzudämmen, bevor Schlimmeres passiert. In der Zwischenzeit ist bloss das ganze Zimmer so rauchgeschwängert wie die Stammkneipe von Serge Gainsbourg. Ich greife, noch immer im Schock- Adrenalin-Handlungsmodus, zum Telefon und informiere den Concierge in gefasstem Ton, dass sich wohl demnächst ein Rauchmelder auf dem 7. Stock melden werde. Sag’s, leg auf, und da geht es auch schon los mit dem nervtötenden Gebimmel. Bisschen spät, aber heftig – wie man das von den Amis ja auch aus der Weltgeschichte kennt. Und natürlich dauert’s auch nicht allzu lange, bis unser Zimmer von Security-Leuten nur so wimmelt. Dummerweise habe ich dem ersten Besucher in der Aufregung erzählt, dass wir uns grad gestern verlobt haben. Und jeder weitere Doug oder Jack oder Brad, der nun mit einem Clipboard oder einem Walkie-Talkie auftaucht, fragt als erstes: „So you guys just got engaged, huh?“ Claudine und ich, noch im Bademantel, liefern unsern Bericht der Ereignisse und realisieren erst langsam, dass die Sache auch viel dramatischer hätte ausgehen können, und dass so ein Feuerchen innert Sekunden für Amateur-Löschbemühungen eine Nummer zu heftig lodern kann.
Eine Begegnung mit den Männern vom legendären NYFD blieb uns zwar erspart, was mir eigentlich ganz recht war, bei Claudines Freundinnen aber noch heute ein leichtes Bedauern auslöst. Das Ende der Geschichte: wir kamen mit dem Schock und dem Gefühl von zwei Päckchen Gitanes auf Lunge davon, ausserdem mit einer Rechnung über $1700 für den Materialschaden. Den Rest des Tages wanderten wir etwas benommen durch Tribeca und murmelten Danksagungen an unsern Schutzengel.
Das war damals, im November 2006, und wenn Ihr Euch fragt, warum wir so lange gewartet haben mit dem nächsten Schritt, dann wisst Ihr jetzt warum. Wir wollten bloss ganz sicher sein, dass der Zimmerbrand kein schlechtes Omen war…